Friedrich Kiesler–Architekt, Künstler, Visionär

Friedrich Kiesler–Architekt, Künstler, Visionär


Form folgt nicht der Funktion.
Form folgt der Vision.

Form folgt nicht der Funktion. Form folgt der Vision.

Form folgt nicht der Funktion. Form folgt der Vision.

So zumindest formuliert es Friedrich Kiesler. Zu sehen in einer sehr anregenden Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Berlin.
Ab März 2017 widmet der Martin-Gropius-Bau einem Künstler eine Ausstellung, die faccettenreicher nicht sein könnte. Eine Abbildung eines bemerkenswerten Lebenswerks: Friedrich Kiesler: Architekt, Künstler, Visionär.

Es fällt sehr schwer den Künstler Friedrich Kiesler, verstorben 1965 in New York, einer Kunstgattung zuzuorden. Während seiner Lebenszeit arbeitete er als Architekt, Bühnenbildner, Designer, Künstler und Theoretiker. Der daher von vielen Seiten als »Gesamtkünstler« bezeichnete Kiesler setzte sich schon früh über Professionsgrenzen hinweg. Seine Visionen über Design und Raum genießen bis heute ungebrochene Aktualität.

Kiesler: Bedeutend für die Architektur- und Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts

IMG_1671Friedrich Kiesler, geboren 1890 in Czernowitz, gestorben 1965 in New York, war ein austro-amerikanischer Architekt, Bühnenbildner, Designer, Künstler und Theoretiker. Sein die Grenzen der einzelnen Kunstgattungen sprengender künstlerischer Ansatz, sein Konzept eines endlos fließenden Raumes und seine ganzheitliche Designtheorie des Correalismus zählen zu den großen Visionen des 20. Jahrhunderts und erfreuen sich ungebrochener Aktualität. Darüber hinaus war Kiesler eine zentrale Figur im Netzwerk der Aesthetic Community in New York, und sein Freundeskreis liest sich wie ein Who-is-Who der Avantgarde.

Friedrich Kiesler mit seinem Modell des Endless Room

Friedrich Kiesler mit seinem Modell des Endless Room

 

Kiesler und de Kooning

Kiesler und de Kooning

Der Martin-Gropius-Bau widmet dem Universalkünstler Friedrich Kiesler eine Ausstellung, in der das vielschichtige Œuvre in all seinen Facetten erstmals auch in Deutschland vorgestellt wird. Anhand zentraler Projekte, wichtiger Künstlerfreundschaften und Gemeinschaftsarbeiten wird auch sein Umfeld skizziert, seine Bedeutung für die Architektur- und Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts aufgezeigt.

Berlin ist hierfür als Ort geradezu perfekt: Es ist die Stadt, in der Kiesler mit einem elektro-mechanischen Bühnenbild für Karel Čapeks „W.U.R. (R.U.R.) Werstands Universal Robots“ 1923 am Theater am Kurfürstendamm seinen ersten großen Erfolg feiert und im wahrsten Sinne des Wortes auf die Bühne der Avantgarde springt.

F. Kiesler, Bühnenbild für Karel für Capeks Theaterstück W.U.R., Berlin 1923

F. Kiesler, Bühnenbild für Karel für Capeks Theaterstück W.U.R., Berlin 1923

Ein Jahr später sorgt er in Wien mit der Ausstellungsgestaltung für die von ihm auch kuratierte „Internationale Ausstellung neuer Theatertechnik“ und seiner „Raumbühne“ als zentrales Ausstellungsstück ein weiteres Mal für Furore.

F. Kiesler, Raumbühne, Wien 1924

F. Kiesler, Raumbühne, Wien 1924

1925 wird er von Josef Hoffmann eingeladen, die österreichische Theatersektion für die „Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes“ in Paris zu gestalten.

F. Kiesler, Raumstadt, Paris 1925

F. Kiesler, Raumstadt, Paris 1925

F. Kiesler, Raumstadt, Paris 1925

F. Kiesler, Raumstadt, Paris 1925

F. Kiesler, Raumstadt, Paris 1925

F. Kiesler, Raumstadt, Paris 1925

Diesen Auftrag nutzt er, um seine Zukunftsvision einer frei schwebenden Stadt, die Raumstadt, modellhaft als Ausstellungsstruktur zu präsentieren. 1926 geht er nach New York, um ein weiteres Mal eine „International Theatre Exposition“ zu organisieren.IMG_1668

IMG_1670IMG_1644Internationale Ausstellung neuer Theatertechnik, Wien
Kiesler organisiert die Internationale Ausstellung neuer Theatertechnik im Rahmen des Musik- und Theaterfestes der Stadt Wien. Er trägt dafür einige hundert Theaterkonzepte, Bühnenbild- und Kostümentwürfe, Plakate und Modelle der künstlerischen Avantgarde u. a. aus Russland, Italien, Deutschland, Frankreich und Österreich zusammen. Für die Ausstellungsarchitektur konzipiert er das Leger- und Trägersystem, eine flexible, frei stehende Konstruktion zur Präsentation von Objekten und Bildern. Kiesler entwirft auch das Plakat, den Katalog, die Eintrittskarte und das Briefpapier der Ausstellung nach einem einheitlichen Konzept.

   

Kiesler verlässt Europa mit avantgardistischen Projekten im Gepäck. Mit großen Erwartungen angekommen, bleiben sie anfänglich unerfüllt. Seine Ideen scheinen zu avantgardistisch für die Neue Welt. Kiesler arrangiert sich rasch mit der harten Realität im New York der 1920er Jahre und findet in der Gestaltung von Schaufenstern und Geschäftslokalen ein erfolgreiches Betätigungsfeld. Mit dem Film Guild Cinema entwirft Kiesler 1929 in New York das erste 100% Cinema, eine Ikone der modernen Kinoarchitektur, die mit zusätzlichen Projektionen an die Seitenwände und Decke des Auditoriums ein frühes Beispiel der Virtual Reality darstellt.

Kiesler arbeitet in den 1930ern an Möbel- und Lampenentwürfen und errichtet 1933 in den Schauräumen der Modernage Furniture Company in New York das „Space House“, seine Vision eines Einfamilienhauses, als 1:1 Modell. Viele Kernthemen der Kiesler’schen Entwurfs- bzw. Architekturtheorie, vor allem sein Konzept einer „Raum-Zeit-Architektur“, werden hier erstmals formuliert.

1934 beginnt Kiesler nach einer zehnjährigen Unterbrechung wieder für das Theater zu arbeiten. Mit dem Bühnenbild für George Antheils Oper „Helen Retires“ gelingt ihm ein erfolgreicher Einstand in der New Yorker Theaterszene, der zu einem Engagement an der Juilliard School of Music führt. An die 60 Ausstattungen entstehen dort während seiner 25-jährigen Lehrtätigkeit. Mit dem „Woodstock Theater“ (1929) und dem „Universal Theater“ (1959-62) schafft Kiesler zwei Prototypen multifunktionaler Kulturspielstätten, die allerdings nur als Modelle realisiert werden.

Von 1937 bis 1941 leitet Friedrich Kiesler das Laboratory for Design Correlation an der Columbia University in New York und entwickelt seine Correalismus-Theorie, einen ganzheitlichen Designansatz, der auf wissenschaftlicher Analyse gründet und in dessen Zentrum der Mensch steht. Im Zuge seiner Forschung beschäftigt sich Kiesler intensiv mit der menschlichen Wahrnehmung und entwickelt die „Vision Machine“, mit deren Hilfe er das menschliche Sehen als einen aktiven Prozess visualisieren möchte. Diese Studien bilden die Grundlage seiner späteren Ausstellungsgestaltungen. Im Laufe der 1940er Jahre arbeitet Kiesler außerdem an zwei umfangreichen Buchprojekten – einer Publikation seiner Designtheorie des Correalismus und an einer Kulturanthropologie der Architektur mit dem klingenden Titel „Magic Architecture“. Beide Schriften bleiben unpubliziert.

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Manifest

Manifest

Zur selben Zeit gestaltet Kiesler mehrere spektakuläre Ausstellungsräume: Peggy Guggenheims Galerie „Art of This Century Gallery“ die „Russian American Exhibition“, eine „Hall of Ecology“ im American Natural History Museum, die Ausstellung „Bloodflames 1947“, sowie die „Exposition Internationale du Surréalisme”.

F. Kiesler, Art of This Century Galerie, New York 1942

F. Kiesler, Art of This Century Galerie, New York 1942

F. Kiesler, Art of This Century Galerie, New York 1942

F. Kiesler, Art of This Century Galerie, New York 1942

F. Kiesler, Art of This Century Galerie, New York 1942

F. Kiesler, Art of This Century Galerie, New York 1942

Sie alle zeugen von seiner engen Beziehung zu den Surrealisten im New Yorker Exil. Kiesler ist ein Künstler für Künstler. Der Austausch sowie die Zusammenarbeit mit Künstlerkollegen waren für ihn von größter Bedeutung. Ganz besonders gilt dies für Marcel Duchamp. Kiesler veröffentlicht den ersten Artikel über Duchamps „Großes Glas“ in einer amerikanischen Zeitschrift („Architectural Record“, 1937), Duchamp wohnt ein knappes Jahr im Apartment der Kieslers, gemeinsam spielen sie Schach, teilen das Interesse an den Naturwissenschaften, technischen Innovationen und an den Wirkungsweisen der menschlichen Wahrnehmung. Sie arbeiten an Ausstellungen und gestalten Zeitschriften. Nach einem Streit innerhalb der Surrealistengemeinschaft in New York trennen sich jedoch ihre Wege.

Kiesler behauptet stets, dass jeder „eine gestalterische Grundidee hätte“ – für ihn selbst könnte die Arbeit mit dem „Raum“ als solche bezeichnet werden. Der Raum, insbesondere der endlos fließende Raum, zieht sich als Kernthema durch Kieslers Œuvre. 1950 schafft er erstmals ein kleines eiförmiges Modell für ein „Endless House“. Im Laufe der 1950er Jahre verfeinert er dieses Konzept und erhält 1958 ein Stipendium, um im Skulpturengarten des MoMA ein 1:1 Modell eines „Endless House“ zu errichten. Wenngleich die Realisierung scheitert, zählt es unbestritten zu den Ikonen visionärer Architektur des 20. Jahrhunderts.

Endless House – Zeichnungen

Endless House – Zeichnungen

Endless House – Modell

Endless House – Modell

Das einzige tatsächlich realisierte Gebäude Kieslers wird 1965 in Jerusalem eröffnet: der „Shrine of the Book“, den Kiesler gemeinsam mit Armand Bartos plant. Das symbolisch stark aufgeladene Bauwerk – es beherbergt alttestamentarische Schriftrollen, die am Toten Meer gefunden wurden – sowie die nicht ausgeführte „Grotto for Meditation“ in New Harmony, Indiana, zeugen vom großen Interesse an sakralen Räumen in Kieslers Spätwerk.

F. Kiesler und A. Bartos, The Shrine of The Book, Jerusalem 1957-65

F. Kiesler und A. Bartos, The Shrine of The Book, Jerusalem 1957-65

F. Kiesler und A. Bartos, The Shrine of The Book, Jerusalem 1957-65

F. Kiesler und A. Bartos, The Shrine of The Book, Jerusalem 1957-65

In den Jahren 1964/65 arbeitet Kiesler an großen Environments, die er aus einzelnen, aus Aluminium oder Bronze gegossenen Skulpturen zusammensetzt. Sowohl seine Skulptur „Bucephalus“, eine Referenz an das Streitross Alexander des Großen, als auch das große Environment „Us, You, Me“ vereinen das gesamte Schaffen Kieslers. Die begehbare Skulptur „Bucephalus“, ein kleines „Endless House“, mythologisch und symbolisch aufgeladen, theatralisch mit Soundeffekten ausgestattet, stellt gewissermaßen eine Summe all seiner früheren Projekte dar. Kieslers bildhauerische Projekte sind heute kaum bekannt und können in der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau erstmals als wesentlicher Bestandteil seines umfangreichen Schaffens entdeckt werden.
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F. Kiesler, Nesting Coffee Tables, Möbelentwürfe, 1935

F. Kiesler, Nesting Coffee Tables, Möbelentwürfe, 1935

IMG_1664IMG_1665IMG_1667IMG_1669IMG_1670Sehr gute Ausstellung, allerdings nur für wirklich Utopie-Veranlagte und Interessierte. Diesmal kein Kunst-Mainstream.

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