Semiotik oder warum wir müssen wissen…

Semiotik oder warum wir müssen wissen…


…was woher kommt und wie es zu verstehen ist?

Merkwürdig: obwohl Gestalter tagtäglich Zeichen lesen, deuten und gestalten, nimmt die Typografie wenig Bezug zur Semiotik, der Lehre der Zeichen. In einem kurzweiligen, reich bebilderten Vortrag voller Zeichen wagt Johannes Bergerhausen einen Blick auf unbekanntes Terrain, wie die Paläografie oder die Vexillologie. Und zeigt nebenbei, was die alten Babylonier mit Otl Aicher zu tun haben.Bildschirmfoto 2016-11-13 um 16.53.50Johannes Bergerhausen beginnt seinen Vortrag ganz am Anfang, nämlich bei der Entwicklung von Schrift und Zeichen durch die Sumerer. Wie stellen sie eine Flüssigkeit dar? Die Keilschrift löst das Problem einer undefinierbaren Masse auf erstaunlich moderne Weise und zwar durch die Darstellung des Gefäßes, das die Flüssigkeit enthält (die kurvige Coca-Cola-Flasche wäre das entsprechende zeitgenössische Pendant). Das Wort „Feind“ wird dargestellt durch zwei gekreuzte Striche, ähnlich einem x. Zwei parallele Striche bedeuten „Freund“. Es folgt die Flagge Großbritanniens, die im 17. Jahrhundert aus der schottischen, irischen und englischen Flagge entstanden ist. Bergerhausen zeigt anhand von einigen Entwürfen, welche Überlegungen zu Größenverhältnissen und Layout sich ein früher Grafiker bei der Gestaltung wohl gemacht haben mag, um keine unbeabsichtigte Aussage über einen der beteiligten Staaten zu machen. Über die Fahnenkunde und Heraldik kommt Bergerhausen zu den Steinmetzen, die schon seit Jahrhunderten ihre Arbeiten mit individuellen Zeichen signieren.

Der Ursprung der Typographie und des Kommunikationsdesigns liegt im handwerklichen Bereich und so gibt es noch keine lange akademische Tradition, auf die wir zurückgreifen können, um gestalterische Arbeit über die bloße Intuition hinaus zu begründen und zu erklären. Im Fehlen eines historisch gewachsenen, wissenschaftlichen Backgrounds sieht Bergerhausen die Erklärung dafür, dass das im Grunde naheliegende und wissenschaftlich erschlossene Feld der Semiotik noch nicht systematisch mit Lehre und Forschung zu Typografie und Kommunikationsdesign verknüpft wurde.

Die Semiotik befasst sich mit Zeichensystemen aller Art. In unzähligen Bereichen und auf zahlreiche Arten wird über Zeichen, Gesten und Bilder kommuniziert. In der Natur ist Rauch ein Zeichen für Feuer. Pflanzen treten miteinander in Kontakt, indem sie bestimmte Duftstoffe aussenden. Kleine Bläschen auf der Haut, die in einer bestimmten Verteilung auftreten, sind für einen Arzt das Anzeichen für Windpocken.

Wie wir eine Nachricht verstehen, hängt maßgeblich von der Kultur ab, in der wir leben. Je mehr Wissen wir über unsere Umwelt haben, desto eher sind wir in der Lage, bestimmte Zeichen oder Symbole zu dechiffrieren. In Mainz haben alle Straßenschilder, die parallel zum Rhein verlaufen, die Untergrundfarbe Blau. Alle Straßen, die vom Rhein weg führen, haben die Farbe Rot. Einen Steuerbescheid können wir erkennen, ohne ein einziges Wort gelesen zu haben. Ein Ausfahrt-Schild erschließt sich uns nur dann, wenn wir wissen, dass wir uns im Zeichensystem Autobahn befinden. Das Medium, das die Botschaft transportiert, spielt also eine Rolle, wie auch die Umgebung in der kommuniziert wird.

Sehr interessant. Für alle die sich mit Corporate Design und visueller Kommunikation beschäftigen, ein Muss.

 

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