Typisch Jugendstil


DOCMA Koop/ Beschwingte LinienIrgendwie mag den Jugendstil, schön kitschig und insofern bemerkenswert weil er sich gegen das ganze Designverständnis des Deutschen Werkbunds und Bauhaus etc. doch durchgesetzt hat.
Nicht unbedingt das Gebrauchsdesign aber die Architektur ist doch SCHÖN KLASSE. Gerade in Spanien. Ich habe mal wieder etwas zum Thema Fotografie gefunden und teile hier mit.


Die Reise geht ins Jahr 1894: Alfons Mucha, ein junger Künstler aus Mähren, war mehrmals an der Prager Akademie der Künste abgelehnt worden und hatte stattdessen eine Schule für Bühnendekoration in Wien besucht. Anlässlich der Weltausstellung 1889 zog er nach Paris, um dort sein Glück zu versuchen.
Der Zufall half mit: Die weltberühmte Pariser Schauspielerin Sarah Bernhardt brauchte dringend einen Plakatentwurf für ihr Theaterprojekt „Gismonda“, und keiner der namhaften Künstler war kurz vor Weihnachten verfügbar. Mucha stellte sich der Aufgabe und begeisterte seine Kundin so sehr, dass er von nun an ihr favorisierter Plakatdesigner wurde – und damit selbst zur Berühmtheit.
DOCMA Koop/ Beschwingte LinienHierin zeigt sich bereits eine Besonderheit des Jugendstils: Er ist eine Kunstrichtung, die auch zum Alltagsgebrauch taugen soll. Jugendstil findet man daher nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch in der Werbung, im Design von Gebrauchsgegenständen wie Geschirr, Möbeln, Schmuck oder Kleidung sowie in der Architektur. Die Trennung von hoher und Gebrauchskunst wird dadurch überwunden, Kunst soll für jedermann verfügbar sein. Folglich ist Kunst auch als Vorlage zur vielfachen Reproduktion gedacht – hier erkennt man eine Parallele zur Fotografie, derer sich Alfons Mucha übrigens als Vorlage für seine Grafiken bediente.
Neben der Ausdehnung der künstlerischen Gestaltung auf Alltagsgegenstände gibt es formale Charakteristika des Jugendstils. Dazu gehören dekorativ-geschwungene Linien und florale Ornamente, inspiriert durch die Natur. Auch die Beeinflussung durch japanische Farbholzschnitte wird deutlich, vor allem an einfarbigen Flächen und einer Bildgestaltung ohne Perspektive. Man wandte sich ab vom Historismus und wollte etwas Neues kreieren.

Daher rührt auch der Name „Art Nouveau“, der für den französisch- und englischsprachigen Raum gilt, und ähnlich „Modernismo“ in Katalonien, wo der Stil durch Antoni Gaudí populär wurde. In den USA spricht man vom „Tiffany-Stil“, berühmt durch den Glaskünstler Louis Comfort Tiffany. Österreich ist für die „Wiener Sezession“ bekannt – der Name leitet sich davon ab, dass sich diese Künstlergruppe als Abspaltung (Sezession) vom Wiener Künstlerhaus gründete, das einen traditionelleren Kunstbegriff vertrat. Und dann gibt es noch die spöttische Bezeichnung „Style Nouille“, also Nudelstil, die auf die nudelähnlichen Haar-Ornamente anspielt, welche viele der auf Objekten und Plakaten abgebildeten Frauen trugen.
Trotz des Credos, Kunst in den Alltag einfließen zu lassen, konnten sich Jugendstil beziehungsweise Art Nouveau nur in Frankreich tatsächlich im öffentlichen Leben durchsetzen. Zeugnisse hiervon sind zum Beispiel die heute noch zu bewundernden eleganten Eingänge der Pariser Metro. Ein Revival erlebte der Jugendstil zur Hippiezeit, heute ist er unter Tattoofreunden sehr beliebt und Jugendstilposter zieren viele Wohnungen.

Der Stil der »Jugend«

Namensgeber für den in Deutschland verwendeten Begriff „Jugendstil“ für „Art Noveau“ war die Zeitschrift „Jugend – Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben“, 1896 gegründet von Georg Hirth und Fritz von Ostini. In dieser Zeitschrift ging es aber keineswegs nur um die Kunst des Jugendstils; auch der Impressionismus spielte in der „Jugend“ eine wichtige Rolle, ebenso wie Kulturkritik und Satire.
Für mich sind vor allem zwei Künstler wegweisend für Jugendstil-inspirierte Fotografie. Dabei handelt es sich um den bereits erwähnten Alfons Mucha (1860-1939) sowie um Gustav Klimt (1862-1918). Von Mucha habe ich bereits berichtet, aber die Darstellung wäre unvollständig, ohne zu erwähnen, dass Muchas Kunst stark von seiner slawischen Heimat geprägt war. Vor allem seine Vorliebe für Symbole sah er als slawisches Erbe an.
In späteren Jahren kehrte er Paris den Rücken und arbeitete von 1911 bis 1928 an Gemälden seines „Slawisches Epos“. Über seine dem Jugendstil weiterhin verhaftete Bildsprache war die Kunstgeschichte inzwischen hinweggegangen, und die tschechischen Nationalisten vermissten in seinen Bildern einen kriegerischen, heroischen Gestus. Muchas patriotische Bemühungen führten dazu, dass ihn die einmarschierenden Nazis 1939 internierten. Kurz darauf starb er an einer Lungenentzündung.
Muchas Stil beeindruckt mich in mehrfacher Hinsicht, und hier beziehe ich mich vor allem auf seine bekanntesten Werke – seine Plakate, die so beliebt waren, dass alle frei angebrachten Exemplare in kurzer Zeit den Weg in private Sammlungen fanden.

Für heutige Verhältnisse wirken sie allerdings ziemlich unplakativ. Sie zeichnen sich selten durch leuchtende Farben aus und beinhalten, obwohl sie oft aus kreisförmigen oder rechteckigen Grundelementen aufgebaut sind, so viele Details, dass sie nicht leicht zu lesen sind. Charakteristisch für Muchas Motive sind Haare, die sich im Wind kräuseln, und locker fallende Kleider. Seine Bilder wirken daher einerseits dynamisch, aufgrund der hohen Stilisierung aber auch recht statisch – sie zeigen fließende Bewegungen, die zu einem Ornament eingefroren sind.

Doch irgendwie süß.

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Zur Autorin
Jamari Lior beschäftigt sich theoretisch und praktisch mit Fotografie. Sie war als Model und Schauspielerin tätig; mittlerweile hat sie die Seiten gewechselt und arbeitet als Fotografin und Fotodozentin für verschiedene Institutionen und schreibt an ihrer Habilitation.

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